Ich weiß gar nicht, wie ich darüber schreiben soll. Ich weiß oft nicht mal, wie ich darüber wirklich sprechen soll. Es geht um Epilepsie.
Ich war Epileptiker. War? Ja, denn es gibt verschiedene Arten von Krampfanfällen. Ich hatte die so genannte "Rolando-Epilepsie".

Also, beginnend mit der Pubertät einhergehende Krampfanfälle, die dann mit glück nach Ende der Pickelstimmbruch-Phase auch wieder verschwinden können. Spoiler-Alarm, sie verschwanden. Darum geht es nun aber nicht.

Es geht um die Zeit zwischen meinem 10. und 13. Lebensjahr, +/- ein Jahr, denke ich. Ich war in der dritten Klasse und hatte schon fast ein ganzes Jahr lang keine Hausaufgaben mehr gemacht und verstand die Welt nicht mehr.
Meine Mutter schleppte mich von einem Psychologen zum nächsten. Man redete auf mich ein, in für mich sich anfühlende, nie endend lange Gespräche, Stunden über Stunden der Diskussionen.

Es klingt selbst für mich surreal, wenn ich so darüber schreibe und gleichzeit darüber nachdenke, jedoch konnte man sich das ungefähr so vorstellen. Die Lehrerin schrieb die Hausaufgaben an die Tafel und während ich noch damit beschäftigt war, mein Hausaufgabenheft heraus zu kramen, hatte ich bereits wieder vergessen, was ich eigentlich damit wollte.
Solche und viele andere Altagssituationen standen mir gegenüber. Sehr viele Dinge habe ich vergessen. Und es gab dem entsprechend auch sehr viel Ärger und Frust. Worte wie "Internat" und "Heim" fielen. Aber ganz ehrlich? Ich kann es meiner Mutter nicht mal verübeln. Wie auch? Nicht mal ich wusste, was mit mir los war. Natürlich gehen Eltern davon aus, dass man lügt und faul ist. ...Oder nicht?

Dann, nach besagtem Jahr ohne Hausaufgaben, wachte ich eines Abends auf. Meine Tür grenzte direkt am Wohnzimmer, ich sah gedimmtes Licht, hörte fremde Menschen sprechen. Es waren welche vom Rettungsdienst. Ich muss aber dazu sagen, dass ich anfangs gar nicht so verwirrt war, da der damalige Freund meiner Mutter ein Rettungsassistent war und ich sie einfach für Arbeitskollegen hielt. Es waren keine Arbeitskollegen. Ich hatte gerade meinen ersten epileptischen Anfall. Begriffen habe ich das Ganze natürlich erst mal gar nicht.

Nachdem ich nun wach war, fuhren wir spät abends noch in eine Klinik. Tests sollten gemacht werden. Ich wurde an ein so genanntes EEG angeschlossen. Ich bekam eine netzartige Schwimmhaube auf den kopf, mit vielen vielen Anschlüssen um meine Gehirnströme zu messen. Es waren tatsächlich welche da. Man stellte mir, mit einem Abstand von ca 10cm, ein Blitzlicht-Gerät vor die Rübe. Es sollte meine Lichtanfälligkeit testen und ggf. einen Anfall provozieren, dankeschön. "Augen offen halten", sagte sie mehrere, unfreundliche Male. Ja, fick dich ins Knie.

Was darauf folgte, waren dann Tabletten. Hochdosierter Tabletten. Ein ganzes Jahr hat es gedauert, bis ich letztendlich die Menge zu mir nehmen konnte, die ich brauchte um weder an den Tabletten draufzugehen, noch weiter Krampfanfälle zu bekommen. Meine Leber war dann zwar voll am Sack, aber hey, wen juckt sowas mit 10 Jahren? So wirklich zweckdienlich war das meinem Gedächtnis aber auch nicht.

Apropos Gedächtnis. In späteren Sitzungen mit einem Psychologen, der mir ausnahmsweise mal kein Ohr abgekaut hat, stellte sich nämlich heraus, dass mein Erinnerungsvermögen wegen dem ganzen Theater darunter zu leiden hatte. Naja, ist doch immerhin etwas. Wenigstens war ich nun nicht mehr der faule Lügner. Nicht prinzipell.

Aber dem noch nicht genug, musste es natürlich ein "zweiwöchiger" Klinikumsaufenthalt sein, der dann 6 Monate anhielt. Meine Fresse, war das eine kaputte Scheiße. Und die Leute da erst... Nein danke.
Jedenfalls ging es danach dann auf eine Förderschule, oder für manche auch Sonderschule, klingt nur nicht so schön, direkt in die fünfte Klasse, na immerhin.

Was für eine kaputte, verkommene Schule das war... Aber wenn man sich mal so ansieht, wie ich schreibe, und wie gut ich englisch verstehen und schreiben kann, was auf dieser Schule nicht unterrichtet wurde, bin ich doch doch sehr froh, dass man mir diesen Scheiß nicht anmerkt.

Ich hatte ein Paar anfälle im Schlaf, und ein Paar morgens nach dem aufwachen, bei bewusstsein. Das ist keine schöne Erfahrung und auch unmöglich zu beschreiben, wie man sich dabei fühlt, was man dabei fühlt. Jedoch hatte ich mit ca. 12 oder 13 Jahren dann den letzten Anfall, konnte ein Jahr darauf auch damit beginnen, die Tabletten abzusetzen, was ich Mongo natürlich von heute auf morgen tat, ist aber gut gegangen, ha!

Heute ist mir von all dem nur die Vergesslichkeit geblieben, immerhin bei weitem nicht mehr so ausgeprägt wie damals, jedoch bereiten mir neue Namen sowie Zahlen immer noch schwierigkeiten. Rückblickend betrachtet, hat mich alles ziemlich abgefuckt und ich leide an dieser Erfahrung heute noch. Sei es nicht mal, wegen der schlechten Schulbildung. Viel mehr der Umgang mit meinen Mitmenschen, insbesondere meiner Familie. Ich kann froh sein, dass es nur eine Form der Epilepsie war, die mich nun nicht mein Leben lang begleitet. Auch wenn sie das auf eine gewisse Art und Weise tut.

Dennoch denke ich, dass dies eine nicht allzu kleine Rolle in meiner Gefühlswelt spielt.

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